(Demokrates kommentiert: auch dieser Text stellt  weder ein allgemeines Konzept noch eine  philosophische Theorie dar, er erscheint hier wegen eines wichtigen Problems praktischer Natur)

Wie  die polnische Presse berichtet,  hat  -  gemäß den Daten des Statistischen Zentralamts - die Sterblichkeitsrate der Polen in den letzten Jahren  dramatisch zugenommen. Laut dem letzten Bericht ist im Januar dieses Jahres ein Drittel der Menschen mehr gestorben als im entsprechenden Zeitraum des letzten Jahres. Aufgrund der wachsenden Zahl von Todesfällen kann die durchschnittliche Lebenserwartung in Polen  noch kürzer werden. Derzeit leben die Menschen  in Polen im Durchschnitt drei Jahre kürzer als der Durchschnitt der  Einwohner der Europäischen Union.

Eine detaillierte Diagnose der Faktoren, die sowohl diese Situation als auch den derzeit starken Anstieg der Sterblichkeit verursachen, wird angeblich bereits vorbereitet. Schon jetzt ist es aber nicht schwer, sich darüber zu einigen, dass der Hauptverantwortliche in den beiden Fällen der Gesundheitszustand der polnischen Bevölkerung ist. Nicht nur beunruhigend schlimm, sondern auch beunruhigend schlechter in den letzten Jahren.

Die Gründe aber für die heftige Schwächung des Gesundheitszustandes der Polen so heftig stattgefunden hat, erscheinen ziemlich unklar. In den polnischen Medien steht an erster Stelle die Hypothese, dass die Schuld an der erhöhten Mortalität auf die plötzliche Verschlechterung der Luftqualität vor einigen Jahren zurückzuführen sei. Es gibt viele Anzeichen dafür, dass dies tatsächlich eine wichtige Ursache ist. Das Problem besteht darin, dass dies sicherlich nicht der einzige Faktor ist  und dass andere mögliche Ursachen in den Medien so  behandelt werden, als gäbe es eine Art ungeschriebene Zensur in diesem Bereich.

Es ist besonders auffällig, dass die dramatische Verschlechterung des Gesundheitszustandes der Polen nicht zusammen mit dem dramatischen und radikalen Wandel zum Schlechten behandelt wird, den in jüngster Zeit, insbesondere im vergangenen Jahr, ein katastrophaler Mangel an Medikamenten in Polen verursacht hat; und zwar auch an lebensrettenden Medikamenten. Nach repräsentativen Studien zu diesem Fall, die kaum bekannt wurden, waren bereits 2016 Apothekenbestellungen von Medikamenten im Großhandel durchschnittlich zu nicht mehr als 39 Prozent realisierbar. Nach zwei Jahren hatten laut dieser Studie nur noch 14 Prozent der Aufträge eine Chance auf Erfüllung! (Piotr Miączyński, Brak leków w polskich aptekach, in Wyborcza. pl 2018). Dieses Jahr verspricht es noch schlimmer zu werden.

Noch schlimmer wird es auch sein - und das ist bereits der Fall - als Folge der Entscheidung des Gesundheitsministeriums, die Einfuhr einer erheblichen Anzahl von im Ausland hergestellten Arzneimitteln auszusetzen. Es ist schwierig herauszufinden, welche Medikamente nicht mehr importiert werden, und weder der Patient noch der Arzt wissen wirklich, wo die betreffenden  Daten zu finden sind. Auch Apotheken können dazu nicht viel sagen, und Ministerialbeamte und Arzneigroßhändler geben deutlich übertriebene und teilweise trügerische Antworten. Es scheint, dass es sich dabei weitgehend um die gleichen Medikamente handeln wird, deren Liste in der Mitteilung des Gesundheitsministers vom 14. Januar 2019 in seinem Amtsblatt vom selben Tag enthalten ist. Es werden in dieser Liste 338 „Arzneimittel und Lebensmittel für besondere Ernährungszwecke" aufgeführt, die nur insoweit erwähnt wurden, als sie „von der Nichtverfügbarkeit bedroht"; sind. Aus welchem Grund und in welchem Umfang, ist es nicht bekannt. Wie man die Gesundheit und das Leben von Menschen rettet, die ohne diese fehlenden Mittel nicht auskommen können, wird in keiner Ministerialankündigung mitgeteilt.

Wie bereits erwähnt, betrifft die ministerielle Blockade des Verkaufs eine sehr große Anzahl von Medikamenten, einschließlich derjenigen, die zur Rettung von Menschenleben benötigt werden. Unter anderem ist der Import von medizinischen Präparaten auf Basis von Gamma-Globulin eingestellt worden. Dabei können diese Mittel einem kranken Menschen, der zum Beispiel an lymphatische Leukämie leidet, das Leben um bis zu mehrere Dutzend Jahre verlängern, so dass er  normal funktionieren und arbeiten kann. Noch im vergangenen Jahr war es möglich, ein solches Präparat problemlos in polnischen Apotheken zu bekommen, obwohl es bereits viel Geld gekostet hat. In diesem Jahr, wenn das Gamma-Globulin völlig unzugänglich geworden ist, muss die bedürftige Person, der darauf angewiesen ist, mit einem drohenden Tod rechnen. Immer mehr Menschen sterben auch an der Unzugänglichkeit von Insulin, Parkinson-Medikamenten, Antikrebsmittel und Antikoagulantien. Es gibt nicht einmal Benzatinpenicillin, das einzige wirksame Mittel zur Behandlung von erworbener und angeborener Syphilis, deren Häufigkeit angeblich wieder zunimmt, und zwar sehr bedeutend. Der Mangel an diesem Antibiotikum im Jahr 2019 ist laut Presseberichten darauf zurückzuführen, dass das Gesundheitsministerium am 12. Januar die Einfuhr auch dieses Mittels eingestellt hat.

Entgegen dem Anschein wird die Lage solcher Patienten durch den sogenannten Zielimport nicht verbessert. Es handelt sich  hier um die seit geraumer Zeit bestehende Regelung, die es dem Arzt ermöglicht, der Abteilung   für die Medizinische Politik des Gesundheitsministers einen Antrag auf Import von Arzneimitteln für ausgewählte Patienten vorzulegen. Ihre Notwendigkeit muss übrigens von einem Berater aus einem bestimmten Fachgebiet schriftlich bestätigt werden. Die verfügbaren Informationen über das Ausmaß der Wirksamkeit dieser Verfahren sind jedoch so knapp und ungewiss, dass die Mehrheit der Ärzte und Patienten  diesen Weg für einen fiktiven oder fast fiktiven hält: da es sich in Wirklichkeit höchstens um bestimmte langfristig stationäre Patienten handelt. Auf jeden Fall machen es zeitaufwändige bürokratische Verfahren in Verbindung mit der Trägheit der Beamten unmöglich, dass einer größeren Zahl von Patienten auf diesem Weg geholfen werden kann.

Es kann jedoch sein, dass einige Ärzte diese ungewisse Option noch ausprobieren. Und sie werden das Richtige tun! Da die Arzneimittelpreise im westlichen Großhandel extrem hoch sind, kommen private Arzneimittelimporte praktisch nicht in Frage. Die Wohlhabenden und diejengen, die wohlhabende Freunde haben,  bilden hier natürlich eine Ausnahme. 

Eine Ampulle Privigen, 100 Gramm dieses Gamma-Globulins, kostet, beispielsweise, in einer deutschen Apotheke fast tausend Euro. Wenn wir bedenken, dass viele Kranke, um sich nicht vorzeitig, in längeren oder kürzeren Qualen,  vom Leben zu verabschieden, 10 bis 12 solcher Ampullen pro Jahr benötigen, ist es kein Wunder, dass solche Patienten in Verzweiflung oder andere derart extreme Emotionen stürzen. In den überfüllten Wartezimmern der Fachärzte - eine düstere Stimmung und eher Stille. Wenn die Situation kommentiert wird, spielt es auf staatliche Sterbehilfe an... Es ist nicht schwer, das Gemütsverfassung  ihrer Umwelt zu erraten, die nicht in der Lage war, einen ausreichenden Betrag an Geld verdient zu haben, um den Kranken in einer solchen Situation zu unterstützen und zu retten. Für viele polnische Ärzte ist es auch ein Zustand, der zu tiefer Frustration führt.

Neben Verschweigen und unzureichenden Informationen über die Situation werden Patienten und Ärzte, die nach fehlenden Medikamenten suchen, durch Desinformationen und irreführende Nachrichten stark beeinträchtigt. Insbesondere sind es die falschen Informationen der Großhändler über angeblich im Handel erhältliche und tatsächlich zurückgezogene Arzneimittel sowie die ausweichenden und verdrehten Antworten des Gesundheitsministeriums an die Fragesteller. Viele illusorische Hoffnungen wurden auch von den Medien geweckt, die die Gründe für den Arzneimittelmangel in Apotheken und Großhandel erklärten. Anfangs  - zur Rechtfertigung der Regierung und der Politiker – waren da die Enthüllungen über die große Medikamentenmafia der polnischen Apotheker und Arzneigroßhändler, die wertvolle Medikamente auf clevere Weise für ihren profitablen Verkauf im Ausland stiehlt. Dann - in den ersten Monaten des Jahres 2018 und später – kamen die triumphalen Berichte über die Auflösung dieser Mafia, wodurch endlich „Medikamente in die Apotheken zurückkehren!” Und all diese Entdeckungen und Erfolge der Behörden wurden dem Polen zu dem Zeitpunkt bekanntgemacht, als diese Behörden fleißig an einer weiteren Importblockade arbeiteten. Auch gegen solche Medikamente, die Leben retten. 

Es ist schwer, nicht zu fragen: Was sind die wichtigsten Faktoren dieser tragischen Situation? Das heisst: sowohl des Mangels an Medikamenten als auch der Unterentwicklung der medizinischen Fürsorge in Polen. Neben den direkten Ursachen, von denen einige oben erwähnt wurden, wollen die systemischen Ursachen  genannt werden. Dazu gehört vor allem ... die Hilflosigkeit der Bevölkerung gegenüber dem Egoismus von Politikern und staatlichen Instanzen. Aber auch die Schwäche des Staates gegenüber dem Kapital, das seiner Natur nach auf Ausbeutung und Betrug ausgerichtet ist. Beides - in einem Land, das, wie einige vergleichende Studien zeigen, von einer Bevölkerung bewohnt wird, die weniger sozialisiert ist, als andere Europäer. Weniger unterstützend und weniger empfindlich  für das Schicksal der Kranken, Schwachen und Armen. „Sterblichkeitsraten  und eine soziale Moral, die  mit dem  kapitalistischen System harmoniert" - so  könnte das oben genannte Problem kurz zusammengefasst werden.

In Jedlnia Letnisko, 8. März 2019.

 

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Zusammenfassung (Streszczenie): Die seit zwei Jahren deutlich steigende Mortalität der Einwohner Polens resultiert aus einem katastrophalen Mangel an Medikamenten, auch denjenigen, die für die Rettung des Lebens notwendig sind.

Quelle (Źródło): der Autor